Nordbayerische Nachrichten, 11.03.2012

Trommelfeuer von Witz, Leiden und Erotik

Komödie des Mundarttheaters ist ein Verwechslungsspiel mit mutigem Ensemble und voll guter Regieeinfälle

TROSCHENREUTH  - Vermutlich ist es das beste Stück, das je auf den Brettern des „Roten Ochsen“ entrollt wurde. „Hände weg von meinem Pelz“ ist Witz im Dauerfeuer, halbes Kabarett. Die Regisseure Wolfgang Hempfling und Nadine Arnold haben eine Truppe zur Hand, die mit extremem Mut zum Scherzen gesegnet ist. Kein Wunder, dass immer über tausend Fans zu den Vorstellungen strömen, von weit hinter Nürnberg und Bayreuth her.

 

Wolfgang Hempfling kürzte diese turbulente Verwechslungskomödie um fast die Hälfte. Das bedeutet: Es kommt ein Trommelfeuer von Szenen. Und er hatte einen Profi zur Beratung, der den letzten Schliff gab: Daniel Leistner. Dieser fröhliche Mann von den Kronacher „Faust-Festspielen“ riet zu mehr „Äh!“ und „Oh!“. Er ließ anfassen, enthemmen, Mimik entfesseln. Entsprechend kommt Helmut Dettenhöfer, der einen stinkreichen Macho-Fabrikanten spielt, zu starken Gesichtsausdrücken und einem Song, der das Publikum wegfegt.

In diesem Publikum sitzen auch Bürgermeister Manfred Thümmler, Pfarrer Josef Hell, Landrat Hermann Hübner und MdB Hartmut Koschyk. Sie kamen zwar aus Wahltaktik, dürften den Abend aber keine Spur bereut haben. Sie genießen in einem perfekten Bühnenbild fallende BHs, einen fast erschlagenen Kapitän (hinter einer Milchglasscheibe sinkt er senkrecht und faszinierend dem Tod entgegen), fliegende Damenkleider, Nacktes unter Pelz und eine Tunte. Was nämlich im Urtext als „Model“ geplant ist, füllt Wolfgang Hempfling einfach mit Hans-Georg Hagen. Dessen Charme unter der blonden Perücke zündet. Das Model arbeitet in einem Pelzgeschäft, dessen Junior mit jeder flotten Kundin ins Bett geht. Diesen Junior spielt Jan Madalsky sehr gut, durch Höhen und Tiefen. Es ist eine anstrengende Rolle, weil er keine Pause hat.

Seinen soliden Geschäftspartner mimt Manfred Popp, am Ende mit dem größten Applaus belohnt — weil er richtiges Bauerntheater gibt. Weil man ihm das im normalen Leben nicht zutraut — diese Grimassen, diese Wendigkeit.

Der fünfte Mann im Ensemble ist ein Neuling, ein Genie: Uwe Vogel. Der Allgäuer spielt so perfekt einen Hamburger Kapitän, so toll im Dialekt (er war mal bei der Marine), mit zugekniffenem Auge und aufspießender Pfeife, dass die Zuschauer von seinem ersten Auftauchen weg hingerissen sind.
Und dann die Damen. Sie werden von Männern verschachert, die nicht merken, dass ihre Geliebten keinen Strich besser sind. Da ist die so attraktive, schöne Melanie Heieis, dem untreuen Fabrikanten angetraut. Der hat’s aber nicht nur mit seiner blonden Sekretärin (Corinna Madalsky), sondern auch mit der kratzbürstigen Ehefrau des Juniors (Kerstin Vogel). Diese hebt irgendwann zu einem Solosong an, bei dem jeder im Saal skeptisch ist. Aber sie gibt ihn mit Bravour. Und sie ist überhaupt erfahren, perfekt fauchend.

Dann die Kapitänsgattin Nadine Arnold, dynamisch und fröhlich, sowie Pelzverkäuferin Daniela Förster. Sie ist das einzig Seriöse in diesem Sündenpfuhl. All diese Schauspielerinnen treiben den Schwung eines perfekt geprobten Stücks an. Sie geben den Herren die Tragfläche für kuriose Sex- und Seelenpein. Sie sorgen für Charme, auch wenn er doppelbödig ist.

Der Abend wird wiederholt am 16./17. März, 23. März, 30./31. März und 8. April.

Thomas Knauber
(C) Nordbayerische Nachrichten

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